Ein Herrscher zu Gast
Bemerkungen zum Bush-Besuch in Berlin
Es gibt schon viel
zu bereden, wenn Herr Bush jr. am Mittwoch mit Noch-Kanzler Schröder zusammentrifft.
Schlussendlich gilt es einige Kriege zu führen - meistens gegenüber
gemeinsamen Feinden, mitunter jedoch auch, wie die jüngsten Zoll-Auseinandersetzungen
zeigen, gegeneinander. Wenngleich sich die Methoden dieser beiden Arten von
Kriegen nicht vergleichen lassen, geben sie doch ein anschauliches Sittenbild
der aktuellen krisenhaften Situation.
Nach außen hin wird man sicherlich das Gemeinsame vor das Trennende stellen.
Die USA stehen mit ihrem "Krieg gegen den Terrorismus" mitten im Prozess
der strategischen Verankerung in Zentralasien, die Situation im Arabischen Raum
mit dem andauernden Widerstandskrieg in Palästina und der vorzubereitenden
Invasion in den Irak geben einiges zu verhandeln, insbesondere da die Situation
der "europäischen Verbündeten" in all diesen Prozessen alles
andere als geklärt ist.
Dass Herr Bush selbst seine treuen Verbündeten besuchen kommt, ist mit
Sicherheit als Geste zu verstehen. Offiziell werden es Diplomaten als "hohe
Wertschätzung" bezeichnen, wenn sich die Massenmörder statt in
Washington in Berlin die Hände schütteln, faktisch drücken der
Besuch und die darin zu klärenden politisch-strategischen Fragestellungen
zugleich die Stärke und die Schwäche der USA als der derzeitig absolut
dominierenden Weltmacht aus.
Die globale Dominanz
der USA ist nicht zu übersehen. Nicht nur sind sie in der Lage, aktiv die
Zielrichtung der imperialistischen Offensiven zu bestimmen, auch in der Gestaltung
der innerimperialistischen Struktur sind sie das Maß aller Dinge.
Nach der mehr oder weniger vollständigen Entmachtung der UNO - sie wurde
gewissermaßen zum Aufräumtrupp tendenziell gelöster Konflikte
degradiert - steht nun mit der NATO die nächste innerimperialistische Verwaltungs-
und Kriegsstruktur auf dem US-Speiseplan. Ein umso bemerkenswerterer Prozess,
als die NATO selbst jahrzentelang als Bollwerk gegen alle tendenziell gegen
die Eigeninteressen gerichteten imperialistischen Formierungen forciert wurde,
soweit, bis sich auch der im Inneren wie eh und je zerfahrene Hauptkonkurrent
EU-Europa geschlagen geben musste und mit vollen Kräften auf die NATO-Schiene
aufsprang.
Dies markierte allerdings genau jenen strategischen Augenblick, in dem sich
die Entwicklungstendenz dieses Parade-Militärbündnisses von seinem
Aufstieg in seinen freien Fall umkehren sollte. Schon jammert der bündnisgrüne
Möchtegernbomberpilot Fischer darüber, dass die USA die NATO "zu
einer OECD des 21. Jahrhunderts" machen wollten, mit allen Eckpunkten des
eigenen strategischen Interesses: die Einbindung möglichst vieler zentralasiatischer
Staaten, zunehmende Unverbindlichkeit der Strukturen - eine klassische Aushebelung
der militärischen Bündniskraft gegenüber einer politischen Integrationsfunktion,
die im derzeitigen Kräfteverhältnis, speziell angesichts der Ineffizienz
der EU als dem Gegenpart, der noch dazu selbst in einem kritischen Erweiterungsprozess
steckt, einzig den USA dienen kann.
Dass es die Herren im Pentagon offenbar nicht mehr für notwendig befinden,
in kritischen Situationen auf stehende Bündnisstrukturen zurückzugreifen,
ist spätestens seit dem Kriegsbeginn in Afghanistan offensichtlich. Wir
werden uns also daran gewöhnen müssen, in Zukunft die "zivilisierte
Staatengemeinschaft" oder die "USA und ihre Verbündeten"
als einzige nach außen sichtbare "Bündnisstruktur" präsentiert
zu bekommen, ganz gleich, welche UNO-Resolutionen beschlossen und wie viele
NATO-Bündnisfälle ausgerufen werden sollten.
Im Inneren bedeutet diese Situation für die politischen und militärischen
Verantwortlichen im Pentagon, ihre Bündnisrücksichten auf ein Minimum
zurückschrauben zu können. Die Loyalität ihrer konkurrenzierenden
Mitstreiter von der anderen Seite des großen Teiches ist ihnen allein
schon durch deren Bemühen, nicht von den sich immer schneller drehenden
Rädern der Geschichte überrollt zu werden, gesichert.
Dennoch. So dominant
die Position der USA als der einzigen Hegemonialmacht derzeit ist, desto problematischer
wird ihre Situation auf verschiedenen Ebenen. Im innerimperialistischen Machtkampf
hat der Run auf die zentralasiatischen Ressourcen voll eingesetzt, und der bestimmende
US-Einfluss auf Staaten wie Aserbaidschan und Georgien - und zukünftig,
so der derzeitige Invasionskrieg erfolgreich verläuft, in Afghanistan -
kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Position vor Ort alles
andere als gefestigt ist. Weder gelingt es, Russland in den Prozess einer US-bestimmten
Regionalordnung zu integrieren, noch zeichnet sich auf Dauer eine Lösung
des Rohstoff-Transportproblems unter der Ägide der US-Administration ab.
Die politische Verschärfung des Verhältnisses zum Iran muss vor diesem
Hintergrund als Antwort auf die ökonomische und politische Annäherung
der Islamischen Republik an die EU verstanden werden, zugleich zeigen sich einige
der US-Ölriesen ob ihrer ökonomischen Interessen mit der vom Pentagon
diktierten politischen Linie alles andere als einverstanden.
Dazu kommt der ungebrochene Widerstand der Völker der Region. Eine endgültige
Befriedung in Afghanistan und Pakistan scheint derzeit ebenso ausgeschlossen
wie in Tschetschenien. Offenbar gibt es - auch wenn unsere Einschätzung
an diesem Punkt von den imperialistischen Medien abhängig ist - eine starke
politische und militärische Bewegung in der gesamten Region, die eher die
physische Vernichtung als einen faulen Frieden mit den Invasoren in Kauf nehmen
würde.
Zugleich müssen die USA im Arabischen Raum, der gewissermaßen die
Basis für die strategische Einverleibung Zentralasiens bildet, herbe Rückschläge
hinnehmen. Der seit über einem halben Jahrhundert andauernde Krieg gegen
Palästina konnte nicht durch einen aufoktroyierten "Friedensprozess"
entschärft werden, ganz im Gegenteil, die Zuspitzung des Krieges mit der
Integration der gesamten Bevölkerung steht geschichtlich ohne Beispiel.
Dies hat wesentlich zum Kurswechsel der US-Außenpolitik beigetragen, die
sich nun entschlossen gibt, den Auslöschungskurs des Massenmörders
Sharon zu unterstützen, um, in einer Kombination von unmittelbarer militärischer
Dominanz und strategischer Besiedelung, den Konflikt auf ein handhabbares Maß
einzudämmen und als Krieg niederer Intensität relativ kontrolliert
weiterlodern zu lassen.
Die Versuche einer Kompensation dieser strategischen Niederlage - angesichts
der jahrelangen engen Verknüpfung der US-Administration mit dem "Nah-Ost-Friedensprozess"
muss von einer solchen gesprochen werden - entwickeln sich ebenfalls nur stockend.
Ein weitreichendes Bündnis für einen Aggressionskrieg gegen den Irak
ließ sich angesichts der Situation im Arabischen Raum nicht finden - vielmehr
hat man im Pentagon alle Hände voll zu tun, die Stützpunkte in der
Region, speziell in Saudi-Arabien, zu sichern. Zwar scheint die in den letzten
Wochen hochgerüstete Basis in Katar eine potenzielle Lösung zu sein,
jedoch ist die politische Situation auch dort, ebenso wie in Bahrain, im Oman
oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, ob des Widerstandswillens großer
Teile der Bevölkerung kritisch.
Daran wird auch die offenbar unvermeidlich bevorstehende Invasion im Irak nichts
ändern. Zwar haben Pentagon-Strategen via ihnen hörigen Medien bereits
verlautbart, dass man durch Luftbombardements und logistische sowie finanzielle
Unterstützung die "irakische Opposition" an die Macht bringen
wolle, um möglichst zu vermeiden, dass US-Bodentruppen zum Einsatz kommen.
Derartige Planspiele sind jedoch äußerst zweifelhaft - verfügt
doch diese "irakische Opposition" nicht einmal annähernd über
die militärische Schlagkraft eines Kriegsgewinnlerhaufens wie der afghanischen
Nordallianz, die für dieses Szenario als Paradebeispiel herhalten muss.
Schlussendlich sind die USA selbst in die unmittelbare Schusslinie des antiimperialistischen
Krieges gekommen. Der 11. September 2001 - der erste wirkungsvolle militärische
Angriff gegen die USA auf ihrem eigenen Terrain überhaupt - hat in diesem
Zusammenhang eine politische und militärische Verschärfung bewirkt,
die wir als revolutionäre Kommunist/innen nur freudig begrüßen
können. Und es ist davon auszugehen, dass dieser Schlag erst der Beginn
eines Krieges gewesen ist, der den imperialistischen Mächten qualitativ
neuartige, schmerzhafte Schläge zufügen wird.
Es ist also unschwer zu erkennen, dass sich sowohl die Stärkeposition als auch die Schwächeposition der USA beständig zuspitzt, dass sich also der in ihrer strategischen Position als dominierender Macht in einem imperialistischen Weltsystem liegende Widerspruch signifikant in einer Weise verschärft, die seinen eigenen Antagonismus als Ausdruck des Antagonismus des imperialistischen Systems an sich zum Vorschein bringt. Einfach gesagt: sie werden ihr mörderisches Spiel nicht unbegrenzt spielen können, wenngleich ihnen ein tendenzieller Erfolg in ihrem zentralen strategischen Projekt, der Verankerung in Zentralasien, einigen Raum zum Atmen geben würde.
Dieser Prozess
ist für den revolutionären Aufbauprozess in den imperialistischen
Zentren von immanenter Bedeutung. Die strategische Krise, in der sich das imperialistische
System als gesamtes befindet, nötigt dessen Protagonisten zu internationalen
Lösungen - sei es ökonomisch (die "Globalisierung"), politisch
oder militärisch. Sie bedeutet zugleich eine sich immer mehr beschleunigende
Zuspitzung des innerimperialistischen Konkurrenzkampfes, der sich auf seinem
derzeitigen qualitativen Niveau auf der Ebene der unmittelbaren ökonomischen
und politischen Konfrontation zeigt.
Gegenüber dieser Internationalisierung nationale oder lokale Lösungen
hochzuhalten, im Sinne der Verteidigung der "progressiven Errungenschaften"
des europäischen Sozialstaates gegen die Macht der multinationalen Konzerne,
ist ein reaktionäres Geschäft. Das heutige tendenzielle Ende des Nationalstaates
ist, genauso wie seine rassistische Abschottung nach außen, ein Kennzeichen
der allmählichen Reifung einer revolutionären Situation. Dieser Prozess
ist genauso notwendig und unumkehrbar wie etwa die Wandlung der sozialdemokratischen
Parteien zu Sozialfaschisten im Zuge des ersten imperialistischen Verteilungskrieges.
Aus der gesamten globalen Situation und ihrer historischen Entwicklung muss
die Verallgemeinerung gesehen werden, dass diese Internationalisierung nicht
ein Hinderniss des revolutionären Prozesses ist, sondern seine unbedingte
Voraussetzung in dem Sinne, wie Marx von der Notwendigkeit der kapitalistischen
Entwicklung für den Kommunismus gesprochen hat. Diese Voraussetzung zwingt
unter den gegebenen unterschiedlichen lokalen Bedingungen zur Notwendigkeit
einer dem Wesen und der Form nach internationalistischen Aufbauarbeit.
Die Implikationen
sind weitreichend und ergeben sich auf beiden notwendigen Seiten des kommunistischen
Aufbaus. Auf subjektiver Ebene stellt sich die historisch neue Herausforderung,
mit antiimperialistischen Kämpfen konfrontiert zu sein, die unter anderen
ideologischen und kulturellen Vorzeichen geführt werden. Es kann einfach
zusammengefasst werden: zum ersten Mal in der Geschichte des Imperialismus wird
der Kampf gegen dieses System nicht von kommunistischen Kräften dominiert.
Auf eine derartige Situation kann auf zwei Arten reagiert werden: entweder durch
Abschottung in der eigenen lokalen Situation und eine Weiterführung derjenigen
Methoden, die schon in den letzten hundert Jahren nicht den entscheidenden Erfolg
gebracht haben, oder durch eine im klaren Bewusstsein der eigenen kommunistischen
Identität geführte offene Auseinandersetzung, die auf der Anerkennung
und Akzeptanz der Differenzen, aber auch der Gemeinsamkeiten beruht.
Wenngleich keine engen organisatorischen Einheiten möglich sein werden,
muss diese tendenzielle Vereinheitlichung der Kämpfe unbedingtes subjektives
Ziel sein.
Zugleich bildet
dieser Prozess auch für die Arbeit und die Kämpfe im lokalen Rahmen
den entscheidenden Angelpunkt. In der jetzigen Situation läuft jeder kommunistische
Bewusstwerdungsprozess in den Metropolen ausschließlich über die
Anerkennung dieser globalen Widersprüchlichkeiten, die sich in jeder lokalen
Situation widerspiegeln. Dabei gilt es, mit dem erlernten Eurozentrismus zu
brechen, die eigenen Verantwortlichkeiten in einer globalen Situation zu erkennen
und danach zu handeln.
Letztendlich hat die Gesamtsituation zu einer qualitativen Verschiebung der
Widerspruchslinien in den Metropolen geführt. Wenngleich es unbestritten
bleibt, dass das internationale Proletariat aufgrund seiner objektiven ökonomischen
Verortung einziger Träger des revolutionären Prozesses sein kann,
führt der Weg zur Bewusstwerdung der Klasse heute zentral über die
Erkenntnis und die Bekämpfung des eigenen Rassismus.
Es wird unter den heutigen Bedingungen nicht möglich sein, eine relevante
Alternative zu schaffen, wenn nicht die eigene subjektive Rolle als unterdrückender
Teil in einem globalen System bewusst erkannt und angegriffen wird.
Für eine bedingungslose Solidarität mit den globalen antiimperialistischen Kämpfen als Ausdruck eines unteilbaren proletarischen Internationalismus!
Für eine offene und mutige Auseinandersetzung mit allen, unter welcher Fahne auch immer kämpfenden antiimperialistischen Kräften!
Für einen klaren und absoluten Trennungsstrich zu den sozialimperialistischen Parteien und Bewegungen in den europäischen Zentren!
Die strategischen Projekte des Imperialismus angreifen!
Für den Kommunismus!