Fast auf den Tag
genau zwölf Jahre ist es her, seit die USA mit der „Operation Desert
Storm“ und dem darauffolgenden UN-Embargo den Irak zu attackieren begannen.
Spätestens seit den Veröffentlichungen eines ehemaligen Justizministers
in der US-Administration, Ramsey Clark („Der Wüstensturm“,Göttingen,1995),
wissen wir, dass der Angriff der „einzigen Supermacht“ keineswegs
eine Reaktion auf die Annexion Kuwaits durch die irakischen Streitkräfte
war.
Supermächte reagieren nicht – sie handeln, und sie handeln strategisch.
Nirgends sonst wird dieses Grundprinzip internationaler imperialistischer Politik
so deutlich wie in der Aggression gegen den Irak. Während Nordkoreas Ankündigung,
den Atomwaffensperrvertrag aufzukündigen, von den USA mit dem Angebot von
Nahrungsmittel – und Treibstofflieferungen beantwortet wird, gibt es auf
die bislang durch nichts widerlegbare Aussage der irakischen Administration,
keine ABC-Waffen im geschwächten Arsenal zu haben, nur eine Antwort: ihr
seid Lügner, eure Zeit läuft ab.
Ein wesentlicher Verbündeter der US-Administration in ihrem Vorgehen ist
dabei das mangelnde historische Bewusstsein, das die Wahrnehmung der Vorgänge
in den Metropolen charakterisiert. Wer erinnert sich schon daran, dass die USA
es waren, die den Irak im Krieg gegen die zu diesem Zeitpunkt als eigentliche
Bedrohung empfundene Islamische Republik Iran hochgerüstet hatten? Wer
erinnert sich daran, dass Scharfmacher Donald Rumsfeld damals mit Saddam Hussein
freundliche Gespräche führte und ihm persönlich die Unterstützung
der USA im Golfkrieg zusicherte? Oder dass die US-Botschafterin im Irak nach
Rücksprache mit ihrem obersten Feldherrn, Mr. Bush sen., der irakischen
Administration die passive Duldung einer Annexion Kuwaits signalisierte?
1. Die strategischen Interessen der USA in der Golfregion sind der Schlüssel
zum Verständnis der Aggression gegen den Irak in ihrer historischen Dimension.
Dass die Ressourcenkontrolle
die entscheidende Triebfeder hinter dem US-Engagement ist, gehört spätestens
seit dem eindringlichen „No Blood for Oil“-Slogan aus dem Jahr 1991
zu den politischen Binsenweisheiten. Selbst dem „Spiegel“, dem medialen
Rückrat der gegen die US-Hegemonie gerichteten europäischen Bestrebungen,
war dieser Aspekt jüngst eine bemerkenswert offene Titelstory wert.
Durch ihre allgemeine Verbreitung scheint diese Wahrheit mittlerweile so abgelutscht,
dass Teile sich „linksradikal“ und „emanzipatorisch“
gebender Kräfte aufmachen, ihren elitären Bestrebungen in der simplen
Negation eines diffusen Common Sense freien Lauf zu lassen. Prompt fangen sie
an, den „Anti-Amerikanismus“ zu beklagen, das unaussprechliche Böse
des „Tyrannen von Bagdad“ hervorzukehren und ihre Wertegemeinschaft
mit der imperialistischen Führungsnation neu zu entdecken – ganz
so, als wären sie selbst im Pentagon für die Marketingstrategie des
Krieges verantwortlich.
Andererseits sehen viele angesichts der sich nun zu wiederholen scheinenden
Geschichte eines imperialistischen Krieges keine Notwendigkeit mehr, eine gewissenhafte
Analyse der heutigen Situation vorzunehmen. Ganz so, als wäre die heutige
Situation mit der im Jahre 1991 identisch.
Die harten Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: die letzten drei militärischen
und geheimdienstlichen Interventionen der USA auf globaler Ebene geschahen in
Regionen, die für die globale Ressourcenkontrolle entscheidende Bedeutung
haben.
- Afghanistan
Die Rolle Afghanistans im globalen Wettlauf um die strategischen Ressourcen
liegt nicht auf Explorationsebene – die Rohölvorkommen vor Ort sind
faktisch irrelevant. Relevant hingegen ist Afghanistan als potenzielles Transitland
für Rohöl und Naturgas aus der Region des Kaspischen Meeres, eine
Region, die wegen ihrer Unabhängigkeit gegenüber der OPEC und vermuteten
riesigen Öl- und Gas-Reserven für die USA zunehmende Bedeutung erlangt.
Zentrales Ziel der Intervention war dabei die Schwächung des Iran, der
selbst aufgrund vorhandener Pipelines, Verladehäfen und Raffinerieanlagen
zum Zentrum des Rohstofftransits zu werden in der Lage ist.
Allerdings: der Iran ist OPEC-Mitglied und gilt zudem als politisch unzuverlässig,
das heißt es ist für die USA nicht auszuschließen, dass die
Islamische Republik ihre im Falle einer Ausnutzung des bestehenden Transportnetzes
mächtige Rolle nicht aus politischen Überlegungen zum Nachteil der
USA gebrauchen könnte. Also braucht es Alternativen – eine davon
ist die jetzt im Bau befindliche Pipeline von Baku zum türkischen Mittelmeerhafen
Ceyhan, die andere eine Pipeline quer durch Afghanistan nach Pakistan und eventuell
weiter nach China.
Beides Alternativen, die die fünf Global Player der Ölbranche alles
andere als favorisieren – aus taktischen Profitüberlegungen bevorzugen
sie die klassischen Routen und würden auch eine Rückkehr des Iran
zu den „Guten“ befürworten. Die US-Administration denkt anders
– sie ist die treibende Kraft hinter der Baku-Ceyhan-Pipeline, einer entscheidenden
Ursache dafür, dass der Unabhängigkeitskampf Kurdistans mit maßgeblicher
US-Unterstürzung im Blut ertränkt wurde. Sie will die Pipeline durch
Afghanistan, um die sie mit der relativ unbedeuteten Ölgesellschaft Unocal
schon mit den Taliban verhandelte. Verhandlungen, die scheiterten – einer
der hauptsächlichen Ursachen für die Intervention und die Beseitigung
des Taliban-Regimes.
- Venezuela
Jenseits aller erbrachten Nachweise, dass der CIA eine der treibenden Kräfte
hinter den seit Monaten andauernden Putschbemühungen gegen den venezolanischen
Präsidenten Hugo Chávez ist, reicht ein Blick auf die Frage, wer
von einem möglichen Machtwechsel profitieren würde.
In Venezuela lagern die bei weitem größten Rohöl-Reserven in
ganz Lateinamerika, einer Region, die die USA strategisch als ihren Hinterhof
definieren. Venezuela ist Mitglied der OPEC, betreibt also, anders als Mexiko,
seine Preispolitik nicht vollständig unter US-amerikanischer Ägide.
Und innerhalb der OPEC ist Venezuela ein bedeutender Exporteur von Ölprodukten
in die USA.
Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszurechnen, warum die USA diesen
Staat als treuen Verbündeten benötigen – dazu braucht es eine
Regierung, die man selbst einsetzt und kontrolliert, nicht irgendeinen vom Volk
demokratisch gewählten „Linkspopulisten“, der Kontakte mit
Erzfeinden wie Fidel Castro pflegt.
Henry Kissinger bringt es auf den Punkt: „Nur der Anstieg des Ölpreises,
Venezuelas Hauptexportartikel, hat es Chávez ermöglicht, die Folgen
seines Flirts mit Fidel Castro und seiner antiamerikanischen und in gewisser
Weise antikapitalistischen Parolen der Art, die durch die Umwälzung der
achtziger Jahre überwunden schienen, zu vermeiden.“ („Die Herausforderungen
Amerikas“, S. 116f.)
Also ein typischer Fall für „civil unrest“, eine beliebte Form
der geheimdienstlichen Intervention, wenn eine direkte Militärintervention
aufgrund der regionalen Situation nicht angemessen erscheint (dazu würden
selbst die USA eine offizielle Einladung des Mercosur oder eines der Nachbarstaaten
benötigen, um gröbere Probleme zu vermeiden – etwas, was bei
einer weiteren Eskalation der Situation jedoch nicht ausgeschlossen erscheint).
- Irak
Jede/r kann sich seine eigenen Überlegungen zur „Lockerung“
des Embargos und dem UNO-Programm „Oil for Food“ machen, wenn er/sie
bedenkt, dass der Irak heute bereits wieder rund drei Prozent der US-amerikanischen
Ölimporte bestreitet. Nach aktuellen OPEC-Daten liegen im Irak die zweitgrößten
Rohölreserven weltweit (hinter Saudi-Arabien), Öl in einer Qualität,
die die Vorkommen im Kaspischen Meer weit in den Schatten stellt.
Gerade in der aktuellen Situation einer sich angesichts der globalen Ereignisse
und beginnender militärischer Angriffe auf die USA selbst zunehmend verunsichernden
Situation in Saudi-Arabien benötigt das Pentagon die absolute Kontrolle
über eine Region, von der sie letztendlich auf Ressourcenebene vollständig
abhängig ist.
Denn auch wenn der OPEC-Export in die USA nur einen verhältnismäßig
kleinen Teil des in den USA konsumierten Öls ausmacht – entscheidend
bleibt der Einfluss auf die Preisgestaltung. Und da gilt es, die Großen
(mit Ausnahme des Iran Saudi-Arabien, der Irak, Kuwait, die Vereinigten Arabischen
Emirate und Venezuela) unter Kontrolle zu halten.
So lassen sich also die strategischen Interessen der USA in drei hauptsächlichen Prioritäten zusammenfassen:
a. Die unmittelbare
Kontrolle des Zuganges zu strategischen Ressourcen,
die sich vor allem entlang der strategischen Kontrolle von nicht-OPEC-dominierten
Pipeline-Routen ausdrückt, auch wenn die USA dabei mitunter den Profitinteressen
der Ölmultis diametral entgegengesetzte Lösungen anstreben;
b. die unmittelbare Kontrolle der Preisgestaltung der strategischen Ressourcen,
die sich entlang einer möglichst weitgehenden Kontrolle innerhalb der OPEC
(die angeführten Beispiele Saudi-Arabien, Venezuela, Irak zeigen es deutlich)
einerseits, sowie einem Aufbau von Alternativen (Region des Kaspischen Meeres,
weitgehende Liefervereinbarungen mit Russland im diplomatischen Gegengeschäft
für ein Stillhalten gegenüber dem Krieg in Tschetschenien) andererseits
entwickelt; sowie
c. die langfristige Kontrolle der dafür notwendigen Regionen
Arabischer Raum (das aktuell renitente Saudi-Arabien, zukünftig eventuell
der Irak, sowie Israel als hauptsächliche Stützpunkte), Zentralasien
(Afghanistan, enge Anbindung von Aserbaidschan, Turkmenistan, Armenien und Georgien,
sowie Interessensbündelung mit Russland) und Lateinamerika (nach der unglücklich
verlaufenen Wahl in Brasilien und der Verabschiedung des getreuen Vasallen Cardoso,
der wackligen Situation in Venezuela und in Kolumbien wird sich hier die Aktivität
der USA zweifellos innerhalb kurzer Zeit verstärken).
2. Die Tendenz zum Krieg ist notwendiger Ausdruck des aktuellen Entwicklungsgrades
im imperialistischen Weltsystems.
Diese strategischen
US-Interessen sind die treibenden Ursachen hinter den Kriegsbestrebungen der
USA, sie erklären jedoch noch nicht, warum der Krieg jetzt – zwölf
Jahre nach der ersten Invasion – wieder auf die Tagesordnung gesetzt wird.
Bei dieser Frage darf man sich nicht von Oberflächlichkeiten leiten lassen
– sicher, der genaue Angriffszeitpunkt wird von militärischen Überlegungen
geprägt sein, dass die Zuspitzung hier – fast identisch zu den Angriffsplänen
von 1991 – im Frühjahr gesucht wird, ist so zu erklären. Dennoch
können derartige Überlegungen den Zeitpunkt auf allgemeiner Ebene
nicht bestimmen.
Ebenso wenig wie die Situation im Irak selbst, die ja für die USA den zentralen
Punkt ihrer Kriegspropaganda ausmacht. Zweifellos verfügt der Irak nach
wie vor nicht über die militärische Kampfkraft wie zu Zeiten der US-Unterstützung
während des ersten Golfkrieges, seine Kampfkraft reicht regional an Staaten
wie Israel, den Iran, oder wahrscheinlich sogar Syrien nicht heran. Die aufs
Tapet gebrachten „Massenvernichtungswaffen“, deren einstige Existenz
der Irak hauptsächlich US-amerikanischer und bundesdeutscher Unterstützung
zu verdanken hatte, sind – anders als die entsprechenden Vorräte
des US-Verbündeten Israel, der sein Atomwaffenprogramm mit Hochdruck verfolgt
– heute allem Anschein nach irrelevant.
Und die Situation des Baath-Regimes und der „bösen Persönlichkeit“
eines Saddam Hussein dient offenbar mehr als „deus ex machina“,
wenn gerade ein Kriegsgrund gebraucht wird – Veränderungen hat es
hier während der letzten Jahre nicht gegeben (wenn auch die Popularität
Husseins angesichts des Embargos und seiner – im Unterschied zu den meisten
anderen korrumpierten Herrschercliquen der Region – ehrlichen Aussagen
zum 11. September in der Region signifikant gestiegen sein dürfte). Bedroht
fühlt sich – abgesehen von Israel – allem Anschein nach kein
Nachbarstaat, nicht einmal die aus geopolitischen oder historischen Gründen
vorbelasteten Staaten wie Iran, Kuwait oder Saudi-Arabien.
Allein schon die Bedingungen des seit zwölf Jahren wütenden Embargos
lassen eine vom Irak ausgehende Aggression unmöglich erscheinen. Eine ganze
Generation ist unter den Embargobedingungen mehr oder minder einem täglichen
Kampf ums Überleben ausgesetzt – wenngleich ihre Entschlossenheit
zur Verteidigung gegen einen Feind, den sie konsequenterweise für das Embargo
verantwortlich machen, zweifellos gegeben ist, würde es bei einem Feldzug
gegen ein Nachbarland ganz andere Voraussetzungen geben.
Wie eingangs festgestellt wurde: imperialistische Hegemonialmächte sind
in der globalen Situation keine reagierenden Kräfte, sie agieren. Die USA
legen also den Zeitpunkt des Krieges, unabhängig von jeder Entwicklung
innerhalb der Region oder von irgendwelchen Funden von als Kriegsrechtfertigungsgrund
entsandten IAEO-Inspektoren selbst fest. Also können die Kriegsursachen
auch nur innerhalb der USA gesucht werden.
Der Angriff vom 11. September traf die US-Ökonomie zum ungünstigst
möglichen Zeitpunkt. Er bildete einen Multiplikator für die nach dem
Platzen der Seifenblase der New Economy ohnehin notwendig eintretenden Rezessionsphase
und zerstörte alle Bemühungen, diese Phase durch erweiterte Kapitalspritzen
in erträglichem Ausmaß zu halten, im Keim. Er traf die Führungsmacht
des imperialistischen Weltsystems – und damit das System als ganzes –
in der allgemeinen Phase seiner strukturellen Krise, einer Krise, aus der es
kein Entkommen gibt.
Der kurzfristige und schwindelerregende Boom der New Economy ist an sich integraler
Teil dieses krisenhaften Prozesses. Was schon an seinen Erscheinungen, der unfassbaren
Dekadenz des Handelns, der Präpotenz der Ideen und Konzepte, ablesbar ist,
bestätigt sich auf materieller Ebene bei der Analyse seiner Entstehungsbedingungen.
Dieser Boom konnte nur in einer Phase der kapitalistischen Entwicklung entstehen,
in der die Tendenz der fallenden Profitrate in den traditionellen Sektoren der
Binnenökonomie aufgrund der historisch rasanten und letztendlich qualitativen
Anhebung der Produktion von absolutem und relativem Mehrwert in den letzten
Jahrzehnten keine nennenswerten Profite mehr möglich machen konnte. Das
grundlegende Paradox der imperialistischen Ökonomie kam zum Tragen: mit
jeder zusätzlichen Investition sank die Profitrate, da der immer stärker
werdende Anteil an konstantem Kapital die Mehrwertrate, die als einzige ursächlich
für den Profit verantwortlich ist, weiter sinken ließ.
Doch Kapital steht nicht still – es will weiter investiert werden, und
wenn Kapitalexport im großen Stil aufgrund der allgemeinen Kapitalüberproduktion
wieder nur auf Kosten der mitkonkurrenzierenden Konglomerate gehen kann, sucht
es sich neue Spielwiesen: etwa die New Economy. So wurden Milliarden von Dollar
in Ideen und diffuse Dienstleistungen investiert, von denen die meisten für
die Weiterentwicklung der imperialistischen Ökonomie ohne jeglichen Belang
waren – sie mussten also sterben. Das Pyramidenspiel der Börsen drehte
sich immer schneller – je mehr investiert wurde, desto stärker stiegen
die eigenen Investments, doch bleibt der reale Output aus, kommt der unvermeidliche
Krach – und er kam.
Letztendlich ist die gesamte Boomphase der New Economy also nur Ausdruck der
strukturellen Krise der absoluten Kapitalüberproduktion, von dem das System
seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts geprägt ist. Eine historisch
bewährte, besser, die einzig historisch bewährte Form der tendenziellen
Lösung einer derartigen strukturellen Krise liegt in der Kapitalvernichtung.
Und zwar einer realen Kapitalvernichtung, die durch darauffolgende Investitionsreize
gekennzeichnet, also nicht mit einem Börsen-Crash, der eigentlich nur einer
gigantischen Umverteilung ähnelt, vergleichbar ist: dem Krieg.
Für die US-Administration stellt sich der Widerspruch subjektiv auf anderer
Ebene dar: das Zusammenspiel ihrer strategischen (die Vormachtstellung im innerimperialistischen
Hegemonialkampf) mit ihren taktischen Interessen (die Wiederwahl) nötigen
eine relativ stabile ökonomische Situation, oder – als mögliche
Alternative – außenpolitische Erfolge. Es besteht also Zwang zum
Handeln, ein Zwang, der mit oder ohne 11. September in einem Aggressionskrieg
im Arabischen Raum gemündet wäre.
Es reicht ein oberflächlicher Blick auf die binnenökonomischen Rahmenbedingungen
der USA, um die kriegstreibenden Aspekte darin zu erkennen: das augenscheinlichste
dabei ist der riesige militärisch-industrielle Komplex, der seine regelmäßigen
Kriege braucht, um die gigantischen Summen, die für Forschung und Produktion
von Waffensystemen aufgewendet werden, zu rechtfertigen. Die USA arbeiten seit
mehr als 50 Jahren als Kriegsindustrie, eine Dialektik, die sich – aus
der Notwendigkeit der Rüstung zum Angriff geboren – mittlerweile
umgekehrt hat und selbst den Angriff als Notwendigkeit fördert und forciert.
Zudem gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Entwicklung der
US-Binnenökonomie und der Höhe des Ölpreises (vgl. dazu „Spiegel“,
3/2003). Zwar ist der Ölpreis bei allen Rezessionsentwicklungen der letzten
drei Jahrzehnte nach dem vorher Gesagten nur eine nachrangige Bedingung, allerdings
bietet eine signifikante Senkung (einhergehend mit einer eventuell zu erreichenden
Preiskontrolle) eine wesentliche Voraussetzung für einen kommenden Konjunkturzyklus,
da das so frei werdende Kapital wieder in Investitionen fließen kann (so
abgerissen dieser Zyklus aufgrund der allgemeinen Bedingungen auch sein wird).
Der bevorstehende Angriff auf den Irak ist nun nach der Afghanistan-Invasion
bereits der zweite offizielle Waffengang der US-Administration. Das in Washington
beheimatete Center of Strategic and International Studies, CSIS, hat in einer
Paneldiskussion mit zahlreichen Experten aus Politik, Wirtschaft und Hochfinanz
die ökonomischen Auswirkungen eines Krieges beraten. Ihre Schlussfolgerungen
sind eindeutig: „Die ökonomische Performance ist im Falle eines günstigen
Kriegsverlaufes besser als ohne Krieg, da ein schneller und entscheidender Sieg
Unsicherheiten eliminiert, ohne zu widrigen Nebeneffekten zu führen.“
Dennoch bleiben demnach Risiken, auf die sich die US-Kriegsmaschinerie ernsthaft
vorzubereiten hat: ein längerandauernder Krieg könnte, ebenso wie
eine Zerstörung der für den Ölexport wesentlichen Förder-
und Raffinerieanlangen, zu negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft führen
(ein Ausblick, der auch zeigt, dass das irakische Regime sehr wohl rational
handelte, als es die Ölförderanlagen bei der US-Invasion vor zwölf
Jahren in Brand steckte). Es dürfen also keine Fehler passieren, und die
Risiken müssen kalkulierbar bleiben – mit ein Grund für die
sehr langwierigen logistischen und propagandistischen Vorbereitungen, die getroffen
werden.
Die Fakten sprechen also eine deutliche Sprache: angesichts der globalen und
regionalen Situation (wesentlicher Faktor ist hier auch der signifikante Einflussverlust
der USA in Saudi-Arabien), der Notwendigkeit zur progressiven Verwaltung der
ökonomischen Krise und dem Drang zur strategischen Sicherung der Vorherrschaft
in der innerimperialistischen Auseinandersetzung ist dieser Krieg für die
USA eine Notwendigkeit: genau darum wird er auch stattfinden.
Wesentlich dabei ist aber auch die sich aus den Fakten ergebende Erkenntnis,
dass die Notwendigkeit zum Krieg unabhängig vom persönlichen Willen
der relevanten politischen Entscheidungsträger besteht. Es ist also nicht
eine „böse“ Administration oder der „texanische Eroberungswille“
und „Rache für den Vater“-Gedanken (den der irakische Geheimdienst
angeblich, so wurde lanciert, liquidieren wollte) eines George W. Bush –
keine US-Administration (und schon recht keine Regierung aus dem schwächeren
Konkurrenzblock EU) wäre angesichts der gegebenen objektiven Bedingungen
in der Lage, die objektive Tendenz zum Krieg umzukehren.
Die entscheidende Kriegsursache liegt in der inneren Dynamik des imperialistischen
Weltsystems, und letztendlich bietet nur seine Aufhebung im Rahmen einer kommunistischen
Perspektive die Möglichkeit, diese kriegerische Entwicklung zu brechen.
3. Ein in neuer Qualität zu entwickelnder proletarischer Internationalismus
ist die einzige Antwort, die das imperialistische Weltsystem in seinen Schwachpunkten
treffen kann.
Ziel jeder kommunistischen
Politik hat es zu sein, diese Systemaufhebung, die aufgrund der destruktiven
Dynamik der strukturellen Krise des imperialistischen Weltsystems eine objektive
Notwendigkeit ist, voranzutreiben. Diese Zielsetzung besteht unabhängig
von der aktuellen taktischen Lage in den Regierungszentralen, unabhängig
irgendwelcher „demokratischen“ Präferenzen. Es geht auch nicht
um einen moralinsauren Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“,
wie es uns die US-Administration unter umgekehrten Vorzeichen erklären
will – solche Moralinjektionen überlassen wir gerne dem Feind, und
besinnen uns auf eine der wesentlichen revolutionären Tugenden: Nüchternheit.
„Aufgabe der Kommunist/innen ist es nicht, die Proletarier daran zu erinnern,
wie destruktiv das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft ist und auf wie
vielen Massakern der Reichtum des ’big business’ beruht, denn das
wissen sie selbst. Die wichtigste Aufgabe ist es, Verantwortung zu übernehmen
und zu sagen, wie gesiegt werden kann, wie kleine oder große Veränderungen
im gegenwärtigen historischen Kontext erzielt werden können.“
(Wotta Sitta, „Für eine revolutionäre Perspektive in Europa“,
1993)
Der Prozess der Systemaufhebung ist kein abstrakter – materialisiert er
sich nicht in einer auf die Machtübernahme orientierten proletarischen
Politik, ist er inexistent. Umso abstruser sind politische Vorhaltungen eines
„Anti-Amerikanismus“, ganz so, als ob man ohne die Identifikation
eines konkreten Feindes den internationalen Klassenkampf führen könnte.
Oder mit Marx: „Wenn du das letzte Kapitel meines ’Achtzehnten Brumaire’
nachsiehst, wirst du finden, dass ich als nächsten Versuch der französischen
Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische
Maschinerie aus einer Hand in die andere zu übertragen, sondern sie zu
zerbrechen und dies ist die Vorbedingung für jede wirkliche Volksrevolution
auf dem Kontinent.“ (Marx an Kugelmann, 1871)
Denn es ist wahr: unabhängig vom konkreten Willen der tragenden Subjekte
in der US-Administration, unabhängig vom Willen der amerikanischen Bevölkerung,
sind die USA als politischer Komplex zum derzeitigen Zeitpunkt als Hegemonialmacht
der Knotenpunkt in der Stabilisation des imperialistischen Weltsystems. Jede
Politik mit kommunistischer Perspektive hat sich im Widerspruch zu der in diesem
Komplex und seinen ’besonderen Formationen bewaffneter Menschen’
(Engels) materialisierten Konterrevolution zu entwickeln. Die Macht dieses Komplexes
zu brechen bedeutet auch, die Macht des Gesamtsystems samt seiner weiteren integralen
Bestandteile, der nebensächlichen Imperialismen (von Europa bis Südostasien)
zu brechen, getreu dem dialektischen Prinzip, das Hauptsächliche anzugreifen,
um das Nebensächliche zu lösen.
Die dabei notwendige Konsequenz in der eigenen politisch-strategischen Ausrichtung
ist der vollständige Verzicht auf nationalistische Konzepte und nationale
Orientierungen – gilt es doch, auf eine kollektive Bedrohung kollektiv
zu antworten.
„Heute werden Fortschritte in erster Linie auf supranationaler Ebene gemessen.
Dies geschieht nicht, weil die supranationale Ebene eine Nivellierung und ein
Verlust der ’Besonderheiten’ bedeutet, sondern weil diese Ebene
ein ’allgemeines Erfordernis’ ist und daher ein Element darstellt,
das für jeglichen Fortschritt entscheidend ist, für das Proletariat
in gleichem Maße wie für die Bourgeoisie.“ (Wotta Sitta, „Für
eine revolutionäre Perspektive in Europa“, 1993)
Dieser qualitativ neue proletarische Internationalismus reflektiert die globalen
Veränderungen der letzten fünf Jahrzehnte, die uns in der Entwicklung
des imperialistischen Weltsystems auch mit einer qualitativ neuwertigen Ausgangssituation
konfrontiert hat: der Hauptfeind steht nicht mehr im eigenen Land, er hat vielmehr
globale Dimensionen angenommen. Diese Tatsache bedeutet nicht nur eine Vervielfachung
der Verantwortung der kommunistischen Kräfte, die sich nicht mehr hinter
der Jahrzehntelang gepflegten bequemen Parole des „Kampfes gegen die eigene
Bourgeoisie“ als Beitrag zur Weltrevolution verschanzen können.
Der proletarische Internationalismus hat heute auf der Höhe des globalen
Hauptwiderspruches zu agieren, was bedeuten muss, herkömmliche Konzepte
über Bord zu werfen und sich neuartigen Wegen zu öffnen. Eine der
zentralen Herausforderungen wird es dabei sein, sich Bündnissen zu öffnen,
die sich nicht länger ideologisch, sondern politisch-strategisch –
also ausgerichtet auf den gemeinsamen Feind – definieren. Denn der Kampf
gegen unseren Feind wird schon geführt – auf politischer, militärischer
und kultureller Ebene: von islamischen Kräften.
Dies bringt, gerade angesichts der großen bestehen bleibenden Differenzen
und der Tatsache, dass die proletarischen Kräfte in einem derartigen Bündnis
im Moment aufgrund der internationalen Klassenkonstellation nicht die führende
Rolle einnehmen können (was für jede kommunistische Entwicklung in
weiterer Folge unabdingbare Voraussetzung ist), viele Schwierigkeiten mit sich.
Dennoch sehen wir darin aktuell den einzig gangbaren Weg zu einer Wiedererstarkung
revolutionärer Politik, die nicht in den regionalen Schlupflöchern
dahinvegetiert, sondern wieder zu einer globalen Perspektive wird.
Bis dahin hat die Verbindung jeder konkreten proletarischen Aktion mit dem globalen
Kampf gegen das imperialistische Weltsystem oberste Priorität. Diese Verbindung
öffnet den progressiven Teilen der Klasse in den Metropolen die Möglichkeit,
unter Führung einer klassenbewussten Avantgarde in die globale Systemauseinandersetzung
einzugreifen, und darin durch ihre konkrete Aktion die kommunistische Perspektive
zu festigen und zu verbreiten.
Forum für Diskussion
Januar 2003
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